Wer über einen Wechsel aus der Kita nachdenkt, denkt meist an die Jugendhilfe und übersieht ein Arbeitsfeld, das ebenso viele Stellen ausschreibt und mit denselben Abschlüssen arbeitet: die Eingliederungshilfe. Sie begleitet Menschen mit Behinderung – Kinder, Jugendliche und vor allem Erwachsene – beim Wohnen, bei der Arbeit, in der Schule und in der Freizeit. Die Qualifikationen, die dort verlangt werden, haben Sie wahrscheinlich. Die Arbeitsweise, die Sprache und die Bedingungen sind andere. Dieser Text beschreibt beides und sagt, wie ein solcher Wechsel vorzubereiten ist.
Was die Eingliederungshilfe ist
Die Eingliederungshilfe ist eine Sozialleistung; ihre Grundlage steht im Neunten Buch Sozialgesetzbuch. Ihr Zweck ist nicht Betreuung, sondern Teilhabe: Menschen mit Behinderung sollen am Leben in der Gesellschaft teilnehmen können, und die Leistungen sollen das ermöglichen. Die Leistungsgruppen reichen von der Teilhabe an Bildung über die Teilhabe am Arbeitsleben bis zur sozialen Teilhabe.
Mit dem Bundesteilhabegesetz hat sich dieses Feld in mehreren Stufen erheblich verändert. Zwei Änderungen wirken bis in Ihren Arbeitsalltag hinein. Erstens wurden die Fachleistungen von den existenzsichernden Leistungen getrennt: Wohnen und Lebensunterhalt sind seither vom Unterstützungsbedarf rechtlich geschieden, weshalb aus dem „Heim" die „besondere Wohnform" geworden ist und Bewohner Mietverträge haben. Zweitens ist die Leistung personenzentriert: Nicht die Einrichtung bekommt eine Pauschale für einen Platz, sondern der Mensch bekommt Leistungen nach seinem individuellen Bedarf, festgestellt in einem Gesamtplanverfahren.
Das klingt nach Verwaltung und ist die Grundlage Ihrer Arbeit: Was Sie tun, steht in einem Plan, es wird dokumentiert, und es wird überprüft.
Welche Abschlüsse dort zählen
Der Kernberuf ist die Heilerziehungspflege – dafür ist sie gemacht, siehe Heilerziehungspflege. Daneben arbeiten in diesem Feld regelmäßig Erzieherinnen und Erzieher, Heilpädagoginnen, Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiter, Kindheitspädagoginnen, Pflegefachkräfte und – je nach Aufgabe – Ergotherapeutinnen, Physiotherapeuten und Handwerksmeister in Werkstätten.
Welche Qualifikationen als Fachkraft gelten, steht nicht in einem Bundesgesetz, sondern in den Rahmenverträgen zwischen den Trägern der Eingliederungshilfe und den Leistungserbringern auf Landesebene sowie in den Vereinbarungen der einzelnen Einrichtung. Das Feld ist damit breiter geöffnet als die Kindertagesbetreuung mit ihren Personalverordnungen – für Menschen mit einem Abschluss, der in der Kita an einer Landesregelung scheitert, ist es häufig der leichtere Einstieg.
Fragen Sie trotzdem konkret: Welche Fachkraftquote gilt für diese Einrichtung, und in welche Kategorie falle ich mit meinem Abschluss? Davon hängt die Eingruppierung ab.
Was sich im Alltag ändert
Sechs Unterschiede, und alle sechs sind groß.
Erwachsene statt Kinder. Sie arbeiten mit Menschen, die volljährig sind, eigene Entscheidungen treffen und ein Recht darauf haben, sie falsch zu treffen. Das Wort „Erziehung" hat hier nichts zu suchen. Die richtige Haltung heißt Assistenz: Sie unterstützen jemanden dabei, sein Leben zu führen, und nicht dabei, sich richtig zu verhalten.
Selbstbestimmung als Rechtsposition. Wunsch- und Wahlrechte sind gesetzlich verankert, es gibt Bewohnervertretungen und Werkstatträte, und viele der Menschen haben eine rechtliche Betreuung mit klar begrenzten Aufgabenkreisen. Wer aus der Kita kommt, muss sich daran gewöhnen, dass er nicht entscheidet.
Pflege gehört dazu. Körperpflege, Unterstützung beim Essen, Transfers, Umgang mit Hilfsmitteln. Der Umfang unterscheidet sich stark nach Arbeitsfeld; in einer Wohngruppe mit hohem Unterstützungsbedarf ist er erheblich.
Schichtdienst. Früh, spät, Wochenende, geteilte Dienste, Nachtbereitschaft. Das ist der größte Einschnitt für alle, die aus einer Kita mit festen Öffnungszeiten kommen – siehe Nachtbereitschaft in der Wohngruppe.
Ein anderes Tempo. In der Kita entwickeln sich Kinder in Monaten. In der Eingliederungshilfe begleiten Sie Menschen über Jahre, und Fortschritte sind klein oder bleiben aus. Wer Erfolgserlebnisse braucht, muss lernen, sie anders zu messen.
Dokumentation und Planung. Berichte für das Gesamtplanverfahren, Zielformulierungen, Leistungsdokumentation. Das ist mehr Schreibarbeit als in der Kita und es ist die Grundlage, auf der Leistungen bewilligt werden.
Die Arbeitsfelder im Einzelnen
Besondere Wohnformen – früher Wohnheime – mit Gruppen von wenigen bis zu einem Dutzend Bewohnern, Schichtdienst und Nachtdienst. Das größte Feld und der übliche Einstieg.
Ambulant betreutes Wohnen und Assistenz. Sie begleiten Menschen in deren eigenen Wohnungen, meist mehrere an einem Tag, mit Fahrzeiten dazwischen. Deutlich selbstständiger, deutlich einsamer, in der Regel ohne Nachtdienst.
Tagesstruktur und Förderbereiche für Menschen, die nicht in einer Werkstatt tätig sind: feste Tageszeiten, kein Wochenenddienst.
Werkstätten für behinderte Menschen mit Gruppenleitung, Arbeitsbegleitung und Bildungsbegleitung im Berufsbildungsbereich. Regelarbeitszeit, eine Mischung aus fachlicher Anleitung und Pädagogik – das Feld mit den familienfreundlichsten Arbeitszeiten.
Schule und Frühförderung, einschließlich der Schulbegleitung als Teilhabeleistung für ein einzelnes Kind, siehe Schulbegleitung als Weg.
Was mitgebracht werden sollte
Aus der Kita bringen Sie mehr mit, als Sie denken: Gruppendynamik, Beobachtung und Dokumentation, Alltagsgestaltung, Zusammenarbeit mit Angehörigen, Geduld, und die Fähigkeit, ohne Sprache zu verstehen. Der letzte Punkt ist in diesem Feld besonders wertvoll – ein erheblicher Teil der Menschen spricht nicht oder nicht in Sätzen.
Was fehlt, lässt sich lernen, und drei Themen sollten Sie früh angehen: Unterstützte Kommunikation, der Umgang mit herausforderndem Verhalten einschließlich Deeskalation, und pflegerische Grundlagen. Die meisten Träger bieten dazu Einarbeitung und Fortbildungen an; fragen Sie vor der Zusage, welche und wann – siehe Weiterbildungen nach der Ausbildung.
Die Sprache, an der man den Wechsel merkt
Ein eigener Abschnitt, weil die Begriffe in diesem Feld nicht Etikett, sondern Programm sind – und weil man an ihnen im Bewerbungsgespräch erkennt, wie ein Träger arbeitet.
Aus „Betreuung" ist „Assistenz" geworden, aus dem „Betreuten" der „Leistungsberechtigte" oder schlicht der Bewohner, aus dem „Heim" die besondere Wohnform, aus der „Maßnahme" die Leistung. Das ist keine Sprachpflege: Die alten Wörter beschreiben ein Verhältnis, in dem jemand für einen anderen entscheidet, die neuen ein Verhältnis, in dem jemand einen anderen dabei unterstützt, selbst zu entscheiden.
Im Alltag ist das anspruchsvoller, als es klingt. Assistenz heißt auch, eine Entscheidung mitzutragen, die Sie für falsch halten – bei der Ernährung, beim Geld, beim Tagesablauf, bei Beziehungen. Die Grenze liegt dort, wo jemand sich oder andere erheblich gefährdet, und wo sie genau verläuft, ist in diesem Feld die schwierigste fachliche Frage überhaupt. Sie gehört in Fallbesprechungen und in Supervision, siehe Seelische Belastung und Supervision.
Hören Sie im Bewerbungsgespräch darauf, welche Wörter benutzt werden. Ein Haus, in dem von „unseren Betreuten" gesprochen wird, hat die Reform der letzten Jahre vielleicht in den Verträgen nachvollzogen und nicht in der Haltung.
Was der Wechsel finanziell bedeutet
Bei tarifgebundenen Trägern gelten dieselben Regelwerke wie in der Kita; die Eingruppierung folgt der Tätigkeit, siehe TVöD SuE. Ein Unterschied fällt allerdings ins Gewicht: Schicht-, Wochenend- und Nachtdienste führen zu Zuschlägen, und die machen in diesem Feld einen spürbaren Teil der Vergütung aus – siehe Zuschläge und Jahressonderzahlung.
Der Preis dafür ist der Dienstplan. Rechnen Sie vorher durch, was ein Schichtmodell für Ihr Privatleben bedeutet, und nicht nur, was es auf der Abrechnung bedeutet.
Ein zweiter Punkt: Beim Trägerwechsel wandert die Stufe nicht automatisch mit. Klären Sie die Anerkennung Ihrer Vorzeiten, bevor Sie kündigen, und beantragen Sie sie ausdrücklich.
Wohin es von dort weitergeht
Ein Argument, das in der Abwägung selten vorkommt: Die Eingliederungshilfe hat mehr Entwicklungswege als die Kindertagesbetreuung, weil die Träger größer und die Strukturen tiefer sind.
Innerhalb der Einrichtung gibt es Gruppen- und Wohngruppenleitungen, Bereichsleitungen über mehrere Wohnformen, Praxisanleitung und fachliche Zuständigkeiten für Themen wie Unterstützte Kommunikation, Deeskalation oder Teilhabeplanung. Bei den großen Trägern kommen Qualitätsentwicklung, Fortbildungsplanung und Koordinationsstellen dazu.
Außerhalb führen zwei Wege weiter. Der eine ist die Heilpädagogik als Fachschulweiterbildung, die in diesem Feld unmittelbar anschlussfähig ist. Der andere führt auf die Seite der Kostenträger: Die Feststellung des Bedarfs und die Gesamtplanung sind Aufgaben bei den Trägern der Eingliederungshilfe, und dafür werden Menschen gesucht, die die Praxis kennen. Beide Wege stehen unter Weiterbildungen nach der Ausbildung und, soweit ein Studium dazugehört, unter Soziale Arbeit studieren.
Wie Sie den Wechsel vorbereiten
Vier Schritte, in dieser Reihenfolge.
Erstens hospitieren, und zwar in zwei verschiedenen Arbeitsfeldern – einer Wohngruppe und einer Werkstatt oder einem Tagesbereich. Sie sind so verschieden, dass ein einziger Eindruck in die Irre führt. Bitten Sie dabei um einen Spätdienst und nicht um einen Vormittag.
Zweitens mit jemandem sprechen, der seit mehr als drei Jahren dort arbeitet, und nicht mit der Leitung.
Drittens die Bedingungen schriftlich klären: Schichtmodell, Zahl der Wochenenddienste im Monat, Nachtdienste, Pflegeanteil, Einarbeitung, Fachkraftkategorie und Eingruppierung.
Viertens den Lebenslauf umschreiben. In diesem Feld zählt nicht, was Sie mit Kindern gemacht haben, sondern was davon übertragbar ist – Dokumentation, Krisensituationen, Zusammenarbeit mit Angehörigen, Arbeit in Gruppen, Erfahrung mit Kindern mit Unterstützungsbedarf. Wie das dargestellt wird, steht unter Der Lebenslauf in der Pädagogik.
Welche Einrichtungen in Ihrer Region einstellen, zeigen der Bereich Eingliederungshilfe und Teilhabe, die offenen Stellenangebote und, für den Kernberuf dieses Feldes, die Stellen in der Heilerziehungspflege.
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