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Ausbildung und Anerkennung

Heilerziehungspflege: der Beruf mit zwei Seiten

Heilerziehungspflege ist pädagogisch und pflegerisch zugleich, und genau das macht sie zum Kernberuf der Eingliederungshilfe. Wie die Ausbildung aufgebaut ist, wohin sie führt und wo sie sich von der Erzieherausbildung unterscheidet.

7 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Unter den Ausbildungen dieses Feldes ist die Heilerziehungspflege die am wenigsten bekannte und im Stellenmarkt eine der gesuchtesten. Der Grund für beides ist derselbe: Sie ist ein Doppelberuf. Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger arbeiten pädagogisch und pflegerisch, und sie arbeiten überwiegend mit Menschen mit Behinderung – Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Damit sind sie der Kernberuf der Eingliederungshilfe, eines Arbeitsfeldes, das in diesem Stellenmarkt in derselben Größenordnung sucht wie die Kita. Dieser Text beschreibt die Ausbildung, ihre Formen, ihre Grenzen und die Arbeitsfelder, in die sie führt.

Was den Beruf ausmacht

Die Bezeichnung erklärt sich aus ihren drei Teilen. Es geht um Erziehung und Bildung, es geht um Pflege, und beides steht im Dienst der Teilhabe eines Menschen, der dafür Unterstützung braucht.

Praktisch heißt das: Eine Heilerziehungspflegerin begleitet Menschen im Alltag – beim Wohnen, bei der Tagesstruktur, bei der Arbeit, in der Schule –, sie unterstützt bei Körperpflege, Ernährung und Mobilität, sie arbeitet an Zielen, die in einem Hilfeplan stehen, und sie dokumentiert. Der pflegerische Anteil unterscheidet sie von der Erzieherin; der pädagogische und teilhabeorientierte Auftrag unterscheidet sie von der Pflegefachkraft.

In welchem Umfang behandlungspflegerische Tätigkeiten übernommen werden, richtet sich nach der Ausbildung, nach der Einrichtung und nach der Übertragung durch ärztliche oder pflegerische Verantwortliche. Das ist im Bewerbungsgespräch eine eigene Frage und keine Nebensache: Häuser unterscheiden sich darin erheblich.

Der Rahmen: Landesrecht, wie bei der Erzieherausbildung

Wie die Erzieherausbildung ist die Heilerziehungspflege eine landesrechtlich geregelte schulische Ausbildung. Sie findet an Fachschulen statt – in einigen Ländern heißen sie Fachschule für Heilerziehungspflege, in Bayern Fachakademie für Heilerziehungspflege – und schließt mit der Bezeichnung „Staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin" beziehungsweise „Staatlich anerkannter Heilerziehungspfleger" ab.

Daraus folgt dasselbe, was für die Erzieherausbildung gilt: Dauer, Zugang, Aufbau, Prüfung und die Frage, in welchen Arbeitsfeldern der Abschluss als Fachkraft zählt, sind je Land geregelt und unterscheiden sich. Was in einem Land gilt, gilt im Nachbarland möglicherweise anders; die Systematik dieser Unterschiede ist unter Länderunterschiede in der Erzieherausbildung beschrieben und überträgt sich sinngemäß.

Zugang und Formen

Verlangt wird in der Regel ein mittlerer Schulabschluss und dazu eine berufliche Vorbildung oder eine einschlägige Praxiszeit – häufig anerkannt werden eine Ausbildung in einem Assistenz-, Pflege- oder Sozialberuf, ein Freiwilligendienst oder ein längeres Praktikum im Arbeitsfeld. Mit Abitur oder Fachhochschulreife genügt meist ein vorgeschaltetes Praktikum.

In mehreren Ländern gibt es eine einjährige Vorstufe – die Heilerziehungspflegehilfe oder ein ähnlich bezeichneter Bildungsgang –, die für sich eine Tätigkeit als Assistenzkraft eröffnet und den Zugang zur dreijährigen Ausbildung schafft. Für Menschen ohne einschlägige Vorbildung ist das der übliche Weg.

Angeboten wird die Ausbildung in zwei Formen, und die Abwägung ist dieselbe wie bei der Erzieherausbildung: schulisch in Vollzeit mit Praktika, oder praxisintegriert beziehungsweise berufsbegleitend mit Vertrag, Vergütung und Arbeit in einer Einrichtung von Beginn an. Die zweite Form ist in diesem Beruf weit verbreitet, weil die Einrichtungen Personal brauchen und ausbilden; was dabei zu klären ist, steht unter PiA oder schulische Ausbildung.

Was in der Ausbildung gelernt wird

Der Lehrplan verbindet drei Stränge. Pädagogisch: Entwicklung und Lernen, Didaktik, Gestaltung von Alltag und Tagesstruktur, Bildungsangebote, Freizeit, Krisen und herausforderndes Verhalten, Unterstützte Kommunikation. Pflegerisch: Anatomie und Krankheitslehre, Pflegetechniken, Hygiene, Ernährung, Medikamentenlehre, Erste Hilfe, Umgang mit Hilfsmitteln, Kinästhetik und rückengerechtes Arbeiten. Rechtlich und organisatorisch: Teilhaberecht, Betreuungsrecht, Dokumentation, Hilfe- und Gesamtplanung, Zusammenarbeit mit Angehörigen und gesetzlichen Vertretern.

Dazu kommen umfangreiche Praxisanteile in verschiedenen Arbeitsfeldern – in der Regel Wohnen, Tagesstruktur oder Werkstatt und ein Feld mit Kindern.

Wohin der Abschluss führt

Sechs Arbeitsfelder, und sie unterscheiden sich stark.

  • Besondere Wohnformen und Wohngruppen der Eingliederungshilfe. Das größte Feld, mit Schichtdienst, Wochenenddiensten und Nachtbereitschaft – siehe Nachtbereitschaft in der Wohngruppe.
  • Ambulante Assistenz und betreutes Wohnen. Begleitung von Menschen in ihrer eigenen Wohnung, mit mehr Selbstständigkeit und mehr Fahrzeit.
  • Tagesstruktur und Förderbereiche. Angebote für Menschen, die nicht in einer Werkstatt arbeiten, mit festen Tageszeiten und ohne Nachtdienst.
  • Werkstätten für behinderte Menschen. Gruppenleitung, Bildungsbegleitung im Berufsbildungsbereich, Arbeitsbegleitung – ein Feld mit Regelarbeitszeit.
  • Schule und Schulbegleitung. Begleitung einzelner Kinder im Unterricht oder Tätigkeit an Förderschulen; siehe Schulbegleitung als Weg.
  • Kinder- und Jugendbereich. Frühförderung, heilpädagogische Einrichtungen und – soweit der Abschluss im Fachkraftkatalog des Landes steht – Integrations- und Inklusionsgruppen in Kindertageseinrichtungen.

Zum letzten Punkt ein Hinweis, der Zeit spart: Ob eine Heilerziehungspflegerin in einem Land als pädagogische Fachkraft in einer Kita gilt, entscheidet die Personalverordnung dieses Landes. In vielen Ländern ist das der Fall, teils mit Auflagen. Holen Sie die Auskunft schriftlich bei der für die Betriebserlaubnis zuständigen Behörde, nicht bei der Einrichtung – die Systematik steht unter Quereinstieg in die Kita.

Wie sich der Beruf von den Nachbarberufen unterscheidet

Gegenüber der Erzieherausbildung: Dieselbe Schulform, andere Zielgruppe und ein pflegerischer Anteil, den es dort nicht gibt. Die Erzieherausbildung ist auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten, die Heilerziehungspflege auf Menschen mit Behinderung über die gesamte Lebensspanne.

Gegenüber der Pflege: Die Pflegeausbildung ist bundesrechtlich geregelt und zielt auf Gesundheit und Krankheit. Die Heilerziehungspflege ist landesrechtlich geregelt und zielt auf Teilhabe. Die beiden Abschlüsse sind nicht austauschbar, auch wenn Einrichtungen sie manchmal so ausschreiben.

Gegenüber der Heilpädagogik: Die Heilpädagogik ist in der Regel eine Weiterbildung auf eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium, nicht eine Erstausbildung. Sie ist damit ein möglicher nächster Schritt, siehe Weiterbildungen nach der Ausbildung.

Was die Arbeit verlangt, und was sie gibt

Ein ehrlicher Abschnitt, weil dieser Beruf regelmäßig unterschätzt wird – in beide Richtungen.

Er verlangt körperliche Arbeit: Heben, Umsetzen, Transfers, Arbeit mit Hilfsmitteln, dazu Pflege, die für manche zu Beginn eine Überwindung ist. Er verlangt Belastbarkeit gegenüber herausforderndem Verhalten, das in manchen Wohngruppen zum Alltag gehört – lautstarke Auseinandersetzungen, Selbstverletzung, gelegentlich Übergriffe. Und er verlangt, mit Verläufen zu leben, die nicht immer aufwärts gehen: Manche Menschen, die Sie begleiten, werden nichts dazulernen, sondern über Jahre weniger können.

Er gibt dafür etwas, das andere Arbeitsfelder dieses Berufs so nicht bieten: eine Beziehung über lange Zeit. In der Kita begleiten Sie ein Kind drei Jahre, in einer Wohngruppe der Eingliederungshilfe begleiten Sie einen Menschen unter Umständen zwei Jahrzehnte. Wer darin arbeitet, beschreibt die Arbeit selten als aufregend und häufig als sinnvoll.

Fragen Sie deshalb vor der Entscheidung nach der Zusammensetzung der Gruppe, nach dem Anteil pflegerischer Arbeit und nach der Häufigkeit von Krisen. Das sind sachliche Fragen, und eine Einrichtung, die sie offen beantwortet, ist die, in der Sie bleiben wollen.

Vergütung und Entwicklung

Bei tarifgebundenen Trägern wird nach denselben Regelwerken vergütet wie die übrigen pädagogischen Fachkräfte: im öffentlichen Dienst nach der Anlage für den Sozial- und Erziehungsdienst, bei kirchlichen Trägern nach deren Arbeitsvertragsrichtlinien. Die Systematik steht unter TVöD SuE und unter AVR und freie Träger.

Ein Punkt fällt in diesem Beruf stärker ins Gewicht als in der Kita: Schicht- und Wochenenddienste sowie Nachtdienste führen zu Zuschlägen, und sie machen einen erheblichen Teil der Vergütung aus. Zwei Stellen mit derselben Entgeltgruppe können sich deshalb deutlich unterscheiden – die Bestandteile stehen unter Zuschläge und Jahressonderzahlung.

Entwicklungswege gibt es mehr, als das Berufsbild vermuten lässt: Wohngruppenleitung, Bereichsleitung, Praxisanleitung, Heilpädagogik, ein berufsbegleitendes Studium, Tätigkeiten in der Teilhabeplanung. Was die Arbeit in diesem Feld ausmacht und was der Wechsel aus der Kita bedeutet, steht unter Wechsel in die Eingliederungshilfe.

Wie Sie vorgehen

Vier Schritte. Erstens: Eine Hospitation in einer Wohngruppe und in einer Werkstatt, bevor Sie sich entscheiden – die beiden Arbeitsfelder sind so verschieden, dass eine Vorstellung davon unverzichtbar ist. Zweitens: Klären, welche Form es in Ihrer Region gibt und ob ein Träger ausbildet; bei der praxisintegrierten Form ist der Platz beim Träger die Voraussetzung für den Schulplatz. Drittens: Die Finanzierung mit einem Bescheid klären, nicht mit einer Auskunft. Viertens: Wenn die Kita ein Ziel bleiben soll, vorher die Auskunft zum Fachkraftkatalog Ihres Landes einholen.

Welche Einrichtungen in Ihrer Region suchen und in welchen Arbeitsfeldern, zeigt das Berufsbild Heilerziehungspflege mit den dort gesammelten Anzeigen, daneben der Bereich Eingliederungshilfe und Teilhabe, die Stellen in der Heilerziehungspflege und die offenen Stellenangebote insgesamt.

Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen Anzeigen aus ganz Deutschland, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.

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